Prosa

  • Prosa

    Onkeltag

    Für heute ist ein Onkeltag geplant. Mein Onkel, der eigentlich nicht mein Onkel ist, sondern der Verlobte meiner besten Freundin, holt mich mit seinem Roller von der Uni ab, ich hatte ein Meeting und danach ein Bier für den Mut, auf einen Roller zu steigen. Wir fahren natürlich durch die Stadtmitte bei Feierabendverkehr, ich klammere mich am Roller fest und stelle mir alle Szenarien vor, durch die wir einen tödlichen Unfall haben könnten. Auto zieht auf unsere Spur, ohne zu blinken – tot. Der Reifen verfängt sich in der Spurrille der Straßenbahn – tot. Onkel ist unaufmerksam und fährt gegen ein Gebäude – tot. Ich entwickle Pläne, wie ich mich geschickt abrolle, rechtzeitig abspringe oder mich an einem Ast festhalte, während Onkel ins Verderben fährt, und dann meiner besten Freundin die schreckliche Nachricht überbringe. Es kommt nicht dazu, nicht einmal fast und bei Onkel Zuhause wechseln wir auf E-Bikes. Wir fahren zu Rewe und kaufen Snacks und Bier, ab hier ist Onkeltag. Auf einer Bank im Park ruft mein Bruder mich an, ob ich seinen Schlüssel mitgenommen habe, er würde jetzt gern nach Mainz zurückfahren. Habe ich nicht, denke ich zumindest, meine Mitbewohnerin findet auch nichts in meinem Zimmer, mein Bruder ruft zurück, er hatte den Schlüssel die ganze Zeit, schönen Onkeltag euch, danke, gute Heimfahrt dir. Drei Biere später ruft Onkels Schwester ihn an, sein Handyakku ist leer, „sag schnell, ist es wichtig?“, ruft er in seine Uhr. „Okay, ich mach schnell“, kommt es leise zurück, „Opa ist fremdgegangen, wir haben einen Onkel in Belgien, der ist fast so alt wie Papa.“ Die Uhr geht aus, das sind alle Infos, die wir bekommen, ein neuer Onkel für Onkel, am Onkeltag.

  • Prosa

    Verlieren und dann Düsseldorf

    Grüne Hügel, leere Straßen, bauschige Wolken, die Trumanshow geben.

    Hier habe ich meinen Verstand verloren, auf eine gemütliche Art.

    Tagelang nicht das verrauchte Zimmer verlassen, abends auf dem langen Balkon stehen

    Die Sinne sind an den falschen Ecken geschärft, gerade so, dass es Spaß macht.

    Diese eine Stelle im Wald, die wir nie wieder gefunden haben

    Und die andere Stelle, an der es im Frühling heiß und im Sommer unerträglich war.

    Einmal haben wir uns im Winter dort hochgekämpft, aber die Magie war weg.

    Agoraphobie in einer Wohnung, die wir „Trümmerbude“ nannten, Riss in der Decke, schiefer Boden, schräge Nachbarn.

    Ein Ende voller Tränen, Aufgeben, großer Angst und permanentem Loch im Magen.

    Ankunft in einer Düsseldorfer Wohnung, die größer war als alle davor.

    Mit funktionierender Küche, einem Bad, das man abschließen kann und zwei Balkonen, ich fing wieder mit dem Rauchen an.

    Grüne Hügel am Horizont und ein Friedhof, wie immer.

    Laut, hell, bunt, es stinkt.

    Wir würden die Laterne am liebsten austreten.

    Nach wenigen Wochen verlasse ich die Stadt, sie sollen mich fixen, mir die Angst nehmen, mich glücklich machen.

    Rituale, an denen ich nicht teilhabe versalzen den Boden und wir wundern uns, warum die Liebe schrumpft.

    Alles war besser, als wir noch in einem Bett schliefen.

    Finde meinen Anfang nicht, die Gedanken kreisen um das Ende.

    Rückblickend bin ich gerade erst losgelaufen.

  • Prosa

    Woher er gekommen ist

    Woher er gekommen ist, weiß im Dorf niemand. Ihm selbst fällt es schwer, sich an einen Herkunftsort, einen Startpunkt, geschweige denn eine Vergangenheit zu erinnern. Es kann sein, dass sein Name „Oliver“ ist, denn er fiel ihm sofort ein, als die erste Person, auf die er nach seiner Ankunft getroffen ist, ihn danach fragte. Nun nehmen alle im Dorf an, sein Name wäre Oliver, und er kann sie nicht berichtigen, selbst wenn er wollte, also nennt er sich selbst auch so. Heute wird Oliver, wie er also der Einfachheit halber in dieser Geschichte heißen wird, zum Schuster gehen und sich ein paar Lederschuhe anfertigen lassen. Dann wird er die Bäckerei besuchen, um frisches Brot und einen Kirschplunder zu kaufen, und diesen dann auf einer Bank im Park essen. Aber fangen wir von vorne an: Oliver steht auf, wäscht sein Gesicht und geht in die Küche der Familie, die ihn großzügig bei sich wohnen lässt, bis er sich etwas Eigenes aufgebaut hat und allein wohnen kann. Im Gegenzug fegt Oliver den kleinen Hof, führt die beiden Hunde aus und passt an den meisten Nachmittagen auf die 3-jährige Ingeborg auf. Der Vater der Familie, Willi, steht gerade mit einer Kanne Kaffee in der Hand vorm Tisch, als Oliver den Raum betritt. „Moin Oli, auch’n Kaffee?“, fragt Willi mit einem Schwung, dass unserem Protagonisten ganz schwindelig wird. Er nickt und fragt sich, was wohl passiert ist, dass Willi heute so aufgedreht ist. Um die Beine des Tisches schlängelt die Katze ihren Schwanz und miaut. Normalerweise reagiert Willi genervt darauf, aber heute duckt er sich zur Katze und miaut, mit Liebe in der Stimme, zurück. Viola, die fast erwachsene Tochter der Familie, sitzt am Tisch und liest ein Reclamheft, Oliver interessiert der Titel, aber er traut sich nicht nah genug an Viola ran, um ihn lesen zu können, sie kann ganz schön fies sein. Letztes Wochenende wollte er nur wissen, wo es die besten Äpfel des Dorfes gebe, und sie hat ihn ausgelacht mit einem Gesichtsausdruck, der ihm immer noch ohne Vorwarnung vorm geistigen Auge spukt, wenn er mal eine Gedankenpause einlegt. Er setzt sich an den Tisch und Viola rückt ein wenig weg, dabei sitzen sie zwei Armlängen voneinander entfernt. Willi redet über seinen heutigen Auftrag, er wird in die Stadt fahren und dort ein paar wichtige Menschen treffen, vermutlich ist das der Grund für seine freudige Stimmung. Oliver ist noch nicht so lange vor Ort, dass das Dorf ihm langweilig erscheint, doch er kann schon erahnen, wie sich der Trott einschleichen muss, sobald man hier sesshaft geworden oder gar aufgewachsen ist. Viola verdreht die Augen, aber Oliver hat nicht gut genug zugehört, um zu verstehen, wieso. Soweit er Einblicke in diese Familie erhalten hat, soll Viola eines Tages den Betrieb ihres Vaters übernehmen und tut gerade alles dafür, dies nicht zu müssen. Sie zieht es in die Großstadt, ihr missfällt das Dorf am meisten von allen, die Oliver bisher kennengelernt hat. Sie möchte studieren, die Welt sehen, sich in einen Gitarre spielenden Veganer verlieben, zumindest nimmt Oliver das an, sie sieht so aus, als wäre das ihr grober Plan. Er würde sie gern fragen, ob sie ihn zum Schuster begleitet, aber die Angst vor ihrer Reaktion macht ihm die Knochen weich. „Was starrst du schon wieder so?“, fragt sie ihn jetzt, das war’s, er schaut schnell auf den Teller vor sich und leert die Tasse Kaffee. „Ich muss dann“, sagt er in den Raum zwischen Vater und Tochter, und verlässt die Küche. Beim Rausgehen hört er, wie Viola mit der Zunge schnalzt, schlägt seinen Kragen hoch und geht durch die Tür. Die Luft ist wärmer als sonst zu dieser Uhrzeit, es wird wohl Frühling, denkt Oliver und gibt seinem Gehirn die Chance, Verknüpfungen an vorherige Frühlinge aufzurufen, leider ohne Erfolg. Den Weg zum Schuster kennt er, wie alle Wege durchs Dorf, von seinen Gassirunden mit Fix und Alle, den beiden Hunden der Familie. Wenn Fix stirbt, werden sie Alle umbenennen müssen, daran denkt er immer, wenn ihm die Hunde in den Sinn kommen. Vor der Tür des Schusters druckst er sich herum, er weiß nicht, ob er sowas schon mal gemacht hat, Schuhe anfertigen lassen. Willi hat ihn dazu überredet, dass ein guter Geschäftsmann ein gutes Paar Schuhe braucht, die Idee klang plausibel, aber jetzt, wo er hier steht, kommt es ihm albern vor. Da öffnet sich die Tür von innen und ein älterer Herr begrüßt ihn mit „Hereinspaziert, was darf’s sein?“. „Ich brauche Schuhe, Lederschuhe, ich wollte die anfertigen lassen“, bringt Oliver hervor und betritt den Laden. Der Geruch von Schuhen und verschiedenstem Leder bringt etwas in einem hinteren Gang seines Hirns zum Klingeln, aber er kann dem jetzt nicht nachgehen, er muss handeln. Er setzt sich auf eine weiche Bank und lässt sich die Füße ausmessen. Der Schuster scheint mit sich selbst zu reden, oder Oliver hat noch zu wenig Ahnung von den Gepflogenheiten einer Konversation, jedenfalls sagt er nichts und lässt den Alten vor sich hin flüstern. Irgendwann scheint er fertig zu sein und sagt Oliver, er könne seine Schuhe nächste Woche abholen. Das ging schnell und war weniger aufregend als gedacht, denkt Oliver und wünscht dem Alten einen schönen Tag. Schräg gegenüber dem Schusterladen entdeckt er eine Bäckerei, die ihm noch nie aufgefallen ist und betritt sie. Der Duft nach Brot macht leider nichts mit ihm, dafür erinnert er ihn daran, dass er sich gleich Zeit nehmen muss, um über den Schuhgeruch nachzudenken. Er entscheidet sich für ein Brot und einen Kirschplunder, weil er denkt, dass er Kirschen mag und wünscht der Bäckereifachverkäuferin einen schönen Tag. Seine Füße tragen ihn in den Park, in dem er die Hunde immer ableint, damit sie ein wenig rennen können. Heute ohne Hunde, setzt er sich auf eine Bank und beobachtet die Enten, die im kleinen, verdreckten Teich umherschwimmen. Ohne, dass er es unterbinden kann, wandern seine Gedanken zu Viola, das machen sie oft, und ihm wird ganz unangenehm heiß dabei, als könnte ihn jeden Moment jemand dabei erwischen, wie er sich vorstellt, dass sie ihn einmal liebevoll statt vernichtend anlächelt. Niemand weiß genau, wie alt Oliver ist, aber er wird höchstens zwei Jahre älter sein als Viola. Ihm kommt es jedoch so vor, als wäre Viola die ältere, sie scheint so gefestigt zu sein, sich ihrer Identität und Außenwirkung so bewusst, dass Oliver sich schämt, wenn sie sich im selben Raum aufhalten. Oliver packt das Teilchen aus der Bäckereitüte, zwingt sich, an den Schuhgeruch zu denken und beißt ein Stück ab. Schuhe, Leder, irgendwie holzig, worauf könnte es hinweisen, dass dieser Geruch etwas mit ihm macht? Vielleicht war er selbst Schuster, oder sein Vater ist einer, oder er wohnt über einem Schuhgeschäft? Oliver reibt sich die Augen und versucht, sich den Geruch vorzustellen. Eine Sehnsucht überkommt ihn, er vermisst eine Familie, von der er überhaupt nichts weiß, er vermisst es, dazuzugehören. Sein Hals wird eng und seine Augen brennen. Der Ententeich verschwimmt vor seinen Augen und er atmet schwer. Er beißt noch einmal vom Plunder ab und versucht, die Geschichte seiner potenziellen Familie weiter zu erkunden, sein Gesicht juckt. Ob er wohl Geschwister hat? Im Alter von Viola oder vielleicht älter als er? Leben seine Großeltern wohl noch? Sein Mund ist trocken und sein Hals wird enger, er schafft es nicht mehr, durchzuatmen. Ein bedrückendes Gefühl breitet sich in seiner Brust aus. Sind seine Eltern zusammen, sind sie geschieden, lieben sie sich? Sein Arm sinkt neben ihn auf die Bank, der Kirschplunder liegt nur noch locker in seiner Hand. Spielt sein Vater eine präsente Rolle in seinem Leben? Es fühlt sich an, als würde er nur noch durch ein winzig kleines Loch atmen können. Er schließt die Augen. Sein Hals verengt sich. Aus der Hand fällt das süße Gebäck auf den Boden, eine Ente läuft darauf zu und beginnt, es zu zerteilen.

  • Prosa

    Dissoziiert

    Oh du schlafloser Traum!

    Wenn man die Kanten angleicht

    noch ein wenig radiert, links und rechts

    bin ich fast weg.

    Wenn nur die Hälfte von mir hier ist

    wo ist dann der Rest?

    Ich überlege, während die Liege unter mir

    mich Richtung Decke schiebt

    die Frau meinen Kopf hält, “wo tut es weh?”

    und ich keine Antwort finde.

    Vor der Tür umworben von Staub

    der Straßenlärm dringt nicht zu mir durch

    so hilflos, aber unbesorgt

    vielleicht sehen die Leute, dass ich nicht da bin.

    Den Weg in die Wohnung finde ich im Schlaf

    und in ähnlichen Zuständen.

    Hätte man es mir nicht antrainiert

    wüsste ich’s nicht:

    warum stehen bei rot

    und gehen bei grün.

     

    Veröffentlicht in Frankfurter Bibliothek 2021, Brentano Gesellschaft FFM.

  • Prosa

    Tierquälerei oder Abi

    Dann endet also heute meine Schulpflicht. Ich krieche aus meiner Schlafkoje und schlüpfe in die Plüschpantoffeln, die auf dem Boden liegen. Auf dem kleinen Tisch in der Kochnische liegen ein Briefumschlag, eine Rose und ein nicht aufgeblasener Luftballon, der eine große 16 darstellen soll. Euch auch einen guten Morgen. Meine Mutter wird mit den Hunden draußen sein, mein Vater hilft wahrscheinlich schon beim Saubermachen des Zeltinnenraums und meinen Bruder interessiert sowieso niemand außer seiner Lena. Ich gieße mir lauwarmen Filterkaffee in meine Diddl-Tasse, setze mich und öffne den Briefumschlag. 

    Im Bus zur Gesamtschule, die ich seit 2 Wochen besuche, werde ich von allen, die in meiner Stufe sind, angestarrt. Wahrscheinlich wissen sie, dass ich heute Geburtstag habe, Frau Schmiede hat sich verplappert. Ich setze mich neben Toni, die sofort näher ans Fenster rückt und mich irgendwie komisch anlächelt. „Hast du Englisch gemacht?“, frage ich sie. Toni zieht die Schultern hoch und guckt stur aus dem Fenster. Bestimmt hat sie vergessen,Zähne zu putzen. 

    In der Cafeteria kaufe ich mir ein Laugenbrötchen und eine Packung Airwaves und bezahle mit dem 20€-Schein aus dem Briefumschlag. Kauend steige ich die Treppe bis in den zweiten Stock hoch und stelle mich neben Toni, die schon vor dem Englischraum an der Wand lehnt. Wortlos halte ich ihr die Kaugummis hin, doch sie schüttelt den Kopf. „Ist irgendwas?“, frage ich, woraufhin sie wieder mit den Schultern zuckt. Misses Stüttgen schließt uns den Raum auf, ich gehe zu meinem Platz, legemeinen Rucksack auf den Tisch und setze mich. Als ich meinen Kopf hebe, sehe ich, dass jemand „TIERQUÄLER“ auf die Tafel geschmiert hat. „Was soll das, wer war das?“, fragt Misses Stüttgen. „In english please“, kommt es aus der letzten Reihe. Moritz, Klassenclown und Wackelkanditat. „Das richtet sich an eine Person hier“, sagt ein Mädchen vorne rechts, ich glaube, sie heißt Luisa. „In diesem Raum sitzt eine Person, deren Familie Tiere quält.“ Jetzt ist sie aufgestanden, alle schauenzu ihr. „Fionas Eltern sind dafür verantwortlich, dass Kamele, Esel und Kaninchen eingesperrt werden und Kunststücke vollführen müssen.“ Als mein Name fällt, fühlt es sich an als hätte mir jemand auf die Nase geboxt. „Ich möchte, dass ihr beide das woanders klärt“, sagt Misses Stüttgen. 

    Fast schon rennend verlasse ich das Büro des Schulleiters und ziehe mein Handy aus der Jackentasche. Mit der linken Hand wische ich mir die Tränen von den Wangen, „Hey Siri, ruf Mama an“. Es tutet sechs Mal, dann lege ich auf. Ich gehe zum Steinkreis hinter der Schule und setze mich auf eine der Bänke. Mein Oberkörper zittert, Rotze tropft auf meine Jeans. „Brauchstn Taschentuch?“. Erschrocken blicke ich die ältere Frau an, die vor mir steht und mir eine Packung Kokett hinhält. Ich zwinge mich, zu lächeln und greife nach der Packung. Als ich mich schnäuze, fragt die Frau, ob ich darüber reden möchte. Ich schüttle den Kopf, keuche und fange dann doch an, zu erzählen. 

    „Klingt, als müsstest du da mal mit deinen Eltern drüber reden“, sagt die Frau, als ich ihr von meinem bisherigen Geburtstag berichtet habe. „Hab‘ ich ja versucht, meine Mama geht nicht ran, mein Vater lässt sein Handy eh immer im Wohnwagen liegen und jetzt sitz ich hier“, antworte ich. „Meine Eltern quälen keine Tiere, wir haben halt welche. Die Tiere wären doch sonst auch nur im Zoo und nicht in der Wildnis. Wieso dürfen wir sie nicht trainieren, ich check das nicht“. Die Frau, die mittlerweile neben mir Platz genommen hat, guckt jetzt ernster. „Naja, die Tiere leiden schon, denk ich. Deine Klassenkameradin hat da schon Recht“, sagt sie. „Und was soll ich daran ändern?“, frage ich, „was soll ich machen, wenn ich im Frühling in Vollzeit im Zirkus arbeite, ich soll da Kamelreiten machen, meine Eltern wollen das so!“. „Gehst du dann nicht mehr zur Schule?“ –„Ist mein letztes Halbjahr, bin ja seit heute 16“. Ob ich denn nicht gern weiter zur Schule gehen würde, möchte die Frau wissen. „Die Schule find ich furchtbar. Ständig neue Leute, alle sind gemein, ich bin immer die Neue und die Komische. Darauf kann ich verzichten“, schniefe ich. „Und was möchtest du später mal machen? Für immer Zirkus?“, fragt die Frau. Mein Handy vibriert, meine Mutter. Ich halte der Frau das Display entgegen, sie nickt, ich hebe ab.

    Als ich auflege, ist die Frau weg. Ich konnte mich gar nicht verabschieden, weil ich so viel weinen musste, als meine Mutter fragte, was los sei. Ich habe ihr gesagt, dass ich keine Tiere quälen möchte, sie meinte, wir reden später, sie hat jetzt keine Zeit. Lustlos schleppe ich mich Richtung Schützenplatz, auf dem unser Zelt und die Wohnwagen stehen. Die Frau war so erstaunt, dass ich nicht mehr zur Schule gehen werde, dabei hasse ich die Schule. Ich bin froh, dass ich jetzt 16 bin, die zehnte Klasse noch hinter mich bringe und das war’s für mich. Aber ein Leben lang Zirkus klingt gar nicht mal so gut. Ich hasse das ständige Weggerissenwerden und nie Freundinnen finden, ich möchte ankommen. Mein Bruder hat’s gut, der hat Lena und die reist mit uns mit, seit sie von Zuhause abgehauen ist. Ich wär gern wie sie, so mutig und hübsch und in der Lage, jemandem den Kopf zu verdrehen. Mich haben alle ignoriert und jetzt hassen sie mich, sogar Toni, mit der ich mich gut verstanden habe bisher. Und das alles wegen Tierquälerei, dabei lieben wir doch die Tiere. Am Schützenplatz angekommen, nehme ich mir vor, meine Eltern zur Rede zu stellen. Wenn sie wirklich Tiere quälen, bin ich raus. Den Gedanken, dass die Alternative an irgendeiner Schule ohne meine Eltern in der Nähe Abi zu machen ist, schüttle ich aus meinem Kopf, bevor er zu Ende formuliert ist.

    Ich öffne die Tür zu unserem Wohnwagen und sehe zuerst Lena. „Überraschung!!“, ruft es aus dem Innenraum. Ich merke, wie mir das Blut ins Gesicht schießt und Tränen sich in meinen Augen sammeln. „Oh“, bringe ich heraus und starre auf den Boden, damit niemand meine Scham sieht. Fast alle aus dem Zirkus sind da, Luigi und Lotte stehen hinter meinem Bruder und sogar der kleine Oskar ist dabei und hält mir ein selbstgemaltes Bild hin. Seine Eltern, Marie und Jakob, werden bald unser Team verlassen, um „sesshaftzu werden“. Vielleicht können sie mich mitnehmen, denke ich, wische mir unauffällig über die Augen und setze mein schönstes Fake-Lächeln auf. 

    Der letzte Bissen Benjamin-Blümchen-Torte landet in meinem Mund und ich bin zufrieden. Ich schaue durch die Runde, die sich mittlerweile vergrößert und deshalb vor den Wohnwagen verlagert hat, und blicke in die einzigen vertrauten Gesichter, die ich in meinem Leben kenne. Wenn es sich so anfühlt, seit der ersten Klasse mit denselben Leuten im Unterricht zu sitzen, verstehe ich, wieso viele aus meiner Stufe so selbstbewusst sind. Dafür habe ich diese Familie und die besteht nicht nur aus Eltern und Bruder, sie besteht aus den Menschen, die heute mit mir meinen Geburtstag feiern.Viele von ihnen hat eine traurige Geschichte zum Zirkus gebracht. Wenn das hier meine Geschichte ist, bin ich doch ganz gut dran. 

    Ich sitze mit Oskar auf unserer Couch, die nachts zum Bett meines Bruders wird, und wir lassen uns einen Ball zukullern. Draußen schreit der Esel und Jay, einer unserer Hunde, fängt an zu bellen. Ich lege den Ball weg, sage „schön sitzen bleiben, ich bin gleich wieder da“ zu Oskar und trete nach draußen. Die Erwachsenen sind alle nicht da, die meisten sind Bier und Wein kaufen gefahren, die anderen kochen in ihren Wagen und mein Bruder ist mit Lena „den Sprinter tanken“, also knutschen, gefahren. Mein Herz klopft bis in meinen Kopf rein, als ich über den Schotterplatz laufe. Irgendwas stimmt mit dem Esel nicht, es klingt, als wäre jemand bei ihm. Ich leuchte mit meiner Handytaschenlampe Richtung Stall und werde schneller. Ich habe keine Waffe, ich werde den Esel mit meinem Körper verteidigen müssen, das macht mir Angst. Plötzlich höre ich eine bekannte Stimme. „Ne, so klappt das nicht, Linus, geh du mal auf die andere Seite“, sagt sie. Ich zittere vor Aufregung und Wut, als ich auf sie zugehe. „Was soll das hier?“, sage ich laut, aber meine Stimme klingt kratzig und viel zu hoch. Die Personen, die ich jetzt als Leute aus meiner Klasseerkenne, erstarren. 

    Die erste, die sich traut, zu sprechen, ist Luisa. „Wir retten eure Tiere, weil man das von euch ja nicht erwarten kann“, zickt sie mich an. Meine Augen füllen sich zum hundertsten Mal heute mit Tränen, diesmal vor Wut. „Ihr könnt doch nicht einfach unseren Esel klauen?“, schreie ich, „das ist das Einkommen von meiner Familie, habt ihr da schon mal drüber nachgedacht?“. Hinter Luisa tritt plötzlich Toni hervor. „Du hast ja nichts falsch gemacht, aber die Tiere tun uns halt leid“, sagt sie. Die Tränen laufen meine Wangen runter und es ist mir egal. „Heute ist mein Geburtstag, bitte lasst mich und meine Familie in Ruhe“, sage ich weinend. 

    Wieder im Wohnwagen, decke ich Oskar mit meiner Häkeldecke zu. Ich versuche, so leise wie möglich zu weinen, als ich Mamas Auto auf den Platz fahren höre. Für heute Nacht habe ich Luisa und ihre Weltrettercrew verscheucht, aber ich bin sicher, dass sie wiederkommen werden. Und vielleicht haben sie Recht damit. Die Tiere sind schon ewig bei uns, nur die Hunde sind noch jung. Wenn ich den Zirkus übernehme, und darüber muss ich noch dringend nachgrübeln, bin ich die letzte Generation hier, die noch Tiere mit durchs Land schleppt. Außer Hunde, die braucht der Zirkus dringend. Die Wohnwagentür geht auf und Lotte betritt den Raum, mit einem dampfenden Topf in den Händen.

  • Prosa

    Berry steht nicht auf

    Seit Tagen ist da diese Schwere auf der Brust, jemand sitzt auf ihr, drückt sich gegen die Knochen und schnürt Berry die Luft ab. Nur wenn sie schläft, ist es auszuhalten, außer sie träumt davon, wie er sie betrügt. Die fiesesten Träume sind aber die, in denen sie kuscheln, was sie ja jetzt nicht mehr machen können, denn Berry hat es beendet. Einen Schlussstrich gezogen, das klingt so leicht und verblödet, als zöge man wahrhaftig einen Strich und alles wäre erledigt. Ne, nichts ist erledigt, Berry muss neu atmen lernen, kann nur noch Podcasts hören, keine Musik mehr und muss die zwanzig Minuten am Tag, an denen sie Nahrung zu sich nehmen kann, ganz genau planen. Zum Glück kriegt man Bananen immer irgendwie runter, denkt Berry. Am vierten Tag sitzt sie mit einer Freundin am See und erzählt von dem Jungen aus dem Ferienlager, der jeden Tag acht Bananen aß, weil er in der Bravo gelesen hat, dass 50 Cent jeden Tag acht Bananen isst. Sie kann lachen und dankbar sein, aber hinter ihrem Skelett sitzt eine rauchige, dichte Mischung aus Angst, Trauer und Einsamkeit, die sich, wenn Berry nicht aufmerksam ist, blitzschnell um alle Organe legt und ihr Blut einfriert. Sie versucht also, sich zu beschäftigen. Nicht zu sehr, man muss auch seine Emotionen atmen lassen, hat die Therapeutin gesagt. Aber sie darf sich beschäftigen und loslassen. 

    Am siebten Tag fährt Berry mit einer Freundin in die Stadt, um eine Ausstellung in einem Tunnel zu besuchen. Die meisten gezeigten Kunstwerke nehmen sie mit in andere Bereiche des Lebens, aber ein Gemälde sticht ihr in Magen und Herz, trotzdem guckt sie ganz genau hin. Ich überleb das schon, sagt sie sich, doch eine halbe Stunde später sitzt sie auf einer Bank neben der Kniebrücke und weint in das T-Shirt ihrer Freundin. Berry braucht einen Bodyguard, jemanden, der solange es geht bei ihr ist, damit sie nur die Nacht überstehen muss. 

    Die zweite Woche ist minimal leichter als die erste, sie muss jetzt nicht mehr jeder Person, die sie trifft, davon erzählen und kann ein Bier trinken ohne, dass es sie nach wenigen Schlucken in die Schattenwelt befördert. Es braucht jetzt mehr als einen Drink, damit Berry ihr Herz schwer in der Brust hängend wahrnimmt und ihre Glieder sich mechanisch langsam bewegen, während die Bäume nach und nach ihr Grün verlieren. Berry geht zur Psychiaterin, um sich ein neues Promethazin-Rezept ausstellen zu lassen und kann wieder einmal täglich etwas festes essen. Sie wacht morgens mit Angst auf und legt sich abends mit Angst nieder, doch dazwischen findet sich immer etwas Hoffnung, in der sie ein paar Stunden verbringt. Sie sieht die Dinge klarer; auch seine Gefühle wurden verletzt und er hat niemanden, er hat doch wirklich niemanden auf der Welt außer Berry. 

    Am elften Tag sitzt sie mit einem nicht-eingeweihten Freund auf einer Bank in ihrer Heimat und sagt, dass eine Beziehung keine Priorität in ihrem Leben hat. Der Freund scheint sich selbst auch anzulügen, denn er sagt, bei ihm auch nicht, wenn’s nicht sein soll, ist das eben so. Wir leben unser Leben und Liebende kommen und gehen, was bleibt ist die Freundschaft. Ein paar Stunden später tanzt sie in einem neu eröffneten Jugendclub und trifft bei einer Raucherpause ein frisch verliebtes Pärchen. Berry fühlt sich, als wäre sie mit dem Gesicht voran gegen eine Betonmauer gelaufen. Der Freund bringt sie nach Hause und erst dort erlaubt sie sich, zu weinen. 

  • Prosa

    Warum denn nicht Schatz?

    Holger ist fuchsteufelswild. Er reißt Sabine das Handy aus der Hand, tut so, als würde er es durchs Parkhaus werfen und sagt bestimmt: “Wenn du so redest, können wir das Ganze auch gleich sein lassen”. Sabine blickt ihn durch ihre toten Augen an und streckt ihre Hand aus. “Gib mir das Handy und hör auf mit dem Scheiß”, sagt sie. Wenn Holger jetzt kleinbeigibt, das weiß er zu hundert Prozent, wird Sabine das immer wieder machen, auf seinen Gefühlen herumtrampeln und mit ihren Kollegen schlafen. Er steigt ins Auto und tut so, als würde er den Motor starten. Sabine verschränkt die Arme, atmet tief aus und rollt mit den Augen, immer diese ganze Dramatik, Holger ist so ein Weichei, denkt sie. Derweil legt Holger den rechten Arm um die Kopfstütze des Beifahrersitzes, er versucht es zumindest, seine Schulter spielt nicht ganz mit. Traurig guckt er nach hinten und sieht Sabine durch die Heckscheibe. Sie sieht aus wie ‘78, als sie sich verliebten, beziehungsweise als er sich verliebte, bei ihr weiß man nie so genau. Sabine zündet sich eine Zigarette an, den rechten Ellbogen auf die linke Hand gestützt, und durchbohrt Holger mit ihrem Blick. Ihr Gesicht fühlt sich ganz kalt an, bis ins Hirn steigt ihr der Frost, sie schüttelt sich leicht. Wie hat dieser Jammerlappen damals gegen Jeff um ihre Hand gewonnen? In keinster Weise erinnert sie sich an irgendeine Zeit, in der Holger attraktiv gewirkt hätte. Vielleicht hatte er mal, vor über zwanzig Jahren, nicht diesen beißenden Mundgeruch, aber Schmetterlinge hat sie noch nie empfunden beim Blick in sein dummes Kötergesicht. Wahrscheinlich habe sie ihn aus Mitleid geheiratet, sagte einmal eine Therapeutin, zu deren Sitzung ihre Chefin sie verdonnert hatte, weil sie mit dem neuen Azubi etwas ruppig umgegangen war. Diese scheiß Millennials sind so verweichlicht, fast so schlimm wie Holger. Mitleid kann es echt gewesen sein, Anstandsfick, Mitleidsheirat, Ärgerehe. Dieser platte Flaum auf seinem Kopf, dieses eklige Muttermal an seiner Wange, die Nasenhaare, die beim Reden flackern, seine dicken Finger, die immer rau sind. Seit Jahren kommt Sabine ihr Mageninhalt hoch, wenn sie zu lange an ihren Gatten denkt. Auf der Arbeit kann sie sich wenigstens ablenken; mit ihrem Kollegen Micha flirten; manchmal geht sie auch mit ihm aus. Sabine ist sich ziemlich sicher, dass Micha eher auf Männer steht (kann sie gar nicht verstehen, das ist doch widerlich), aber Holger regt sich immer so auf, wenn er versehentlich ihre Whatsappnachrichten liest, wenigstens passiert dann mal was in dieser Ehe. Holger sieht so verlassen aus, ganz versunken sitzt er da auf dem Fahrersitz, schaut durch den Rückspiegel zu ihr rüber und versucht, angsteinflößend zu wirken. Traurig, wie er durch sein Leben humpelt, dieser verletzte Hund, dieser stinkende, alternde Köter, niemand nimmt ihn ernst, niemand liebt ihn. Sabine tritt ihre Zigarette aus und steigt ins Auto.

  • Prosa

    Luzie gibt auf

    An einem kalten Morgen im Oktober sitzt Luzie auf ihrem freistehenden Balkon und pustet auf ihren kalten Kaffee. Die Miete ist bald fällig, das Katzenfutter ist leer, doch das beschäftigt Luzie nicht. Die Gesellschaft ist kaputt, denkt Luzie und zündet sich eine Zigarette an. Alle schimpfen über “die da oben”, ziemlich abstrakt, aber irgendwie auch cool. Das zeigt, dass man sich Gedanken macht und einem Dinge noch etwas bedeuten. Ihr Kumpel Johannes zum Beispiel, der macht sich ungeheuer viele Gedanken, deshalb war er auch für sechs Monate in Südamerika und hat verletzte Tiere gepflegt. Da nimmt man auch mal einen Schlangenbiss in Kauf, hat Johannes gesagt, dafür tut man ja auch was Gutes. Luzie hat ein komisches Gefühl im Bauch, aber das ist sicher nur ihre eigene Unsicherheit, vielleicht ist sie auch neidisch auf Johannes, der hat wenigstens was geleistet. Luzie leistet nichts, sie ist nicht systemrelevant und ziemlich dumm. Zu dumm um zu studieren jedenfalls, das haben ihre Eltern immer gesagt und später auch ihre Lehrer. Deswegen arbeitet Luzie an der Kasse einer Tankstelle und sie ist damit zufrieden, denn so hat sie wenigstens was zu tun. Lernen liegt ihr nicht, weil das hat mit Nachdenken zu tun und das kann Luzie nicht. Früher in Mathe hat sie manchmal angefangen zu weinen, weil sie das mit den Brüchen nicht verstanden hat, und dann hat sie Nachhilfe bekommen, aber die Brüche hat sie trotzdem nicht verstanden. Zum Glück gibt es schlaue Menschen wie Johannes und ihre Freundin Maja, die halten die Welt am Laufen, indem sie nachdenken und lernen und ihr Wissen zusammenfassen und im Internet posten. Luzie ist ja auch Bestandteil der Gesellschaft, sie sorgt dafür, dass Autos und LKW vorankommen, weiterfahren können, dass Familien Urlaub in Polen machen und die Bäckereien jeden Morgen frische Brötchen verkaufen können, das ist ja auch schon mal was. Beim letzten Familienessen erzählte ihr Cousin, dass er jetzt Salesmanager sei, und alle waren beeindruckt. Wenn’s um die Arbeit geht, da beschwert Luzie sich nicht, aber sie prahlt auch nicht, sie lächelt, isst Omas Braten und schweigt. Das Reden überlässt man denen, die Ahnung haben, und Ahnung hat Luzie nicht. Schlaue Menschen lesen Bücher, Luzie malt vorm Fernseher. In ein paar Jahren wird sie Hausfrau und Mutter sein, nebenbei an der Tankstelle arbeiten und es wird sie erfüllen, denn dafür wurde sie geboren.

  • Prosa

    Sirenen

    Knöchel war schon lange nicht mehr auf See, sondern hatte sich in einer kleinen Holzhütte in der Nähe vom Strand niedergelassen. So richtig heimelig wurde es für ihn nie, denn Knöchel fühlte sich nur auf dem Meer zuhause. Durch die von Würmern ins dunkle Holz gefressenen Löcher und Gänge blies immer ein wenig Wind in den Wohnraum, was dem Seemann gefiel, da es sich fast wie auf dem Schiff anfühlte. Es war eine Nacht im November, der Wind ließ die kleine Hütte knarzen, das Feuer im Inneren knackte, und Knöchel hatte einen Topf heiße Kartoffelsuppe auf dem Gasherd. Die Freigängerin Kille, die es sich sonst nicht nehmen ließ, durch die Dünen bis hin zur Küste zu streunen, lag träge auf einem Schafsfell vorm offenen Kamin. “Da geht mir doch gleich das Feuer aus”, stöhnte Knöchel in Killes Richtung, “ich geh mal eben neues Holz holen.” Seine schweren Stiefel erzeugten kleine Wellen auf dem Boden, die Kille müde aufschauen ließen. Die Katze war ihm eines Tages zugelaufen und nie wieder abgehauen. Wie fast alle Katzen hielt sie nicht viel von Wasser und erst Recht nicht vom offenen Meer. Gelegentlich brachte sie einen toten Krebs mit nach Hause, aber Knöchel war sich immer sicher, dass die Krebse bereits tot am Strand gelegen hatten, denn Kille war keine große Jägerin. Knöchel schloss die Tür hinter sich und Kille legte ihren Kopf wieder auf ihrem sie umwindenden Schwanz ab. Die Kartoffelsuppe, die bisher friedlich vor sich hin geköchelt hatte, begann zu blubbern, was Kille erneut aufschrecken ließ. Mit angelegten Ohren schaute sie Richtung Tür, wo ein Schatten entlang huschte, deren Bewegungen sie mit den Augen verfolgte. Durch die Türritze war er aufgetaucht, dann nach oben bis zur Decke, die Balken entlang, für das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmbar, doch die Katze bewegte ihren Kopf weiter, zum ersten Fenster, die Wand hinunter bis auf Knöchels Bett, unter dem der Schatten sich schließlich verkroch. In dem Moment flog die Haustür auf. Kille rannte auf den Schatten zu, den sie für Knöchel hielt, und geradewegs durch ihn hindurch. Draußen stand Knöchel gerade vor seinem improvisierten Holzlager und überlegte, ob fünf oder sechs Scheite auf seine altersschwachen Arme passten. Als er sich mit sechs Holzscheiten beladen umdrehte, erschrak er, “Was machst du denn hier draußen Kille, es is’ doch viel zu kalt, geh schon rein”, fluchte er. Als die beiden durch die Türschwelle hindurch waren, drehte Knöchel sich mit zusammengekniffenen Augen um; er hatte gedacht, die Tür geschlossen zu haben. Dann knallte diese zu. “Ganz schön usselig, wah”, sagte er daraufhin, “wir machen’s uns jetzt schön hier, Kille.” Die Katze schnurrte und wanderte um seine Beine herum, schmiegte sich an ihn und miaute leise.

    Das Feuer loderte jetzt wieder hell, die Kartoffelsuppe war bis zum letzten Tropfen ausgelöffelt und Knöchel saß mit einer Wolldecke auf dem Schoß, auf der wiederum Kille lag, auf seinem roten Sessel und las. Er wäre wohl beim Lesen eingeschlafen, wenn die Katze nicht plötzlich unruhig aufgeschaut und geknurrt hätte. “Was hast du denn?”, fragte Knöchel seinen kleinen Liebling. Kille fixierte einen Schatten an der Tür, der sich langsam auf die beiden zubewegte. Knöchel streichelte ihr über den Kopf, doch sie ließ sich nicht beruhigen, sprang stattdessen von seinem Schoß und lief zur Tür. Knöchel, in der Dunkelheit doch sehr kurzsichtig, griff nach seiner Brille auf dem Kaminsims und nahm sich den Kerzenleuchter, der daneben stand. “Da is’ doch nichts, Kille”, sagte er ruhig. Trotzdem ging auch er zur Tür, öffnete sie und trat hinaus. “Hallo?”, rief er in den Nebel, der sich stets gegen Mitternacht einstellte. “Siehste, nix, hab ich doch ge-” -”Hallo!” Knöchel erstarrte und Kille versteckte sich hinter seinem Bein. Aus Richtung des Wassers erklang eine helle Frauenstimme. “Wer is’ da?”, rief Knöchel, kniff die Augen zusammen und hielt den Kerzenleuchter am langen Arm von sich gestreckt in die Dunkelheit. “Hallo”, erklang es wieder, “komm näher, ich brauche Hilfe”. Kille lief in die Sicherheit des warmen Hauses und erwartete, dass ihr Seemann dasselbe tat. Doch Knöchels Beine traten Schritt für Schritt weiter in die Dunkelheit, bis seine Silhouette im Nebel verschwand. Kille blieb auf der Türschwelle sitzen und peitschte aufgeregt mit dem Schwanz von links nach rechts auf die Holzdielen. “Wo bis’ du denn, die Hilfe braucht?”, rief Knöchel Richtung Meer. “Hier, noch ein Stückchen”, sang die liebliche Stimme, “gleich hast du’s geschafft”. Knöchel ging weiterhin Schritt nach Schritt, doch der Nebel wurde so dicht, dass er nicht mal mehr seinen Arm samt Kerzenleuchter sehen konnte. Lediglich die drei Flammen winkten ihm zuversichtlich zu. Der Nebel war gar nicht kalt, wie ihm nun auffiel. Er schien ihn zu wiegen, zu umarmen und zuzudecken. Knöchel roch Schwefel und den beruhigenden Duft von brennendem Holz. Er schaute auf den Boden und konnte seine Füße nicht mehr erkennen. Als er wieder aufsah, bließ ihm eine Schwade heißer Luft gegen das Gesicht und er taumelte nach hinten. Um ihn herum wog es sich, die Luft schien sich zu verbiegen und wärmere und kältere Ströme wandten sich um ihn. Knöchel wankte ein wenig, doch er lächelte. Er hörte ein Akkordeon spielen und dann die tiefe Stimme seines Kollegen Uli, die ein Lied anstimmte, das er beinahe vergessen hätte.

     

  • Prosa

    Top 3 der schlechtesten ersten Dates

    „Warte auf mich“, ruft Juliette, während sie die Schnürsenkel ihres linken Schuhs bindet. Anne ist bereits im Treppenhaus, die Tür knallt zu. Juliette sinkt an der Wand entlang zu Boden. Immerhin nicht das schlechteste erste Date, auf dem sie je war, aber sicherlich in den Top 3. In ihrem Kopf flimmern die letzten dreißig Minuten rauf und runter, mit dem unmöglichen Auftrag, den Fehler zu finden. War sie wieder zu nett? In ihrem Gedächtnis ist nichts zu finden, das sie verkackt hätte, diesmal lief alles wie mit diversen Freund:innen und ihrem Therapeuten besprochen; kein Stammeln, keine frechen Fragen, sie war sogar heute Morgen duschen! Juliette geht zum Küchenfenster und schaut raus. Da unten steht sie, vielleicht lässt sie sich ja doch noch überreden, gemeinsam zum Tanzabend zu gehen. Juliette tippt eine Whatsappnachricht und löscht sie wieder. Als sie ihre Wangen heiß und ihre Augen feucht werden spürt, öffnet sie den Kühlschrank, um sich ein Glas Eistee einzuschenken. „Das war mal wieder scheiße“, sagt sie zu ihrer Schildkröte, die dort drin auf einer Salatschale sitzt und eine Gurke beknabbert.