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Bonkers
Heute Nacht habe ich mit einer Göttin geredet und sie meinte ich soll standhaft bleiben… Vielleicht entgleise ich gerade ein wenig, aber vielleicht bin ich auch so klar wie nie. Auf meinem Krisenspaziergang sind mir 5 Hunde begegnet, 2 Teeniejungs – getrennt voneinander – und zu viele Männer (3). Ich bin den Berg hochgestapft, den ich immer hochstapfe, wenn die Gefühle meine Brust zerdrücken und mir die Gedanken aus der Nase laufen. Ich zerbreche dann Stück für Stück, aber sammle mich währenddessen schon auf, ganz ruhig, das kennen wir schon, hier, vielleicht hilft ein Tee für einen kurzen Moment und wir könnten ja auch was malen. Ich habe drei Seiten getippt heute, keinen einzigen Satz meiner Masterarbeit gewidmet, dafür Selbstfürsorge im großen Stil betrieben und eben Bäume umarmt. Der erste Mensch, dem ich auf meinem „ich bin ganz alleine auf der Welt“-Spaziergang begegnet bin, war ein Teenager, der genau die Route hatte, die ich immer nehme; Berg hoch, keine Verschnaufpase, weil es schön ist wenn die Lunge brennt, dann durch den Schlammweg, links auf den Asphalt und bis zur komisch schräg platzierten Bank an der Gabelung. Ich hab mich gefragt, was der da wohl macht, Donnerstagnachmittags ganz alleine den Berg hoch, wie komisch von ihm. Auf dem Schlammweg angekommen war es mir doch zu blöd, ihm weiter zu folgen, also bin ich rechts abgebogen und einem Kranich begegnet, den ich erschreckt habe. Ich bin stehen geblieben und habe ihn beobachtet, er hat mich beobachtet, ich dachte süß, wir beide sind ganz allein auf der Welt, aber dann teilte er mir telepathisch mit, ich solle verschwinden, ich versaue ihm gerade die Jagd. Also bin ich weiter gestapft, irgendwie wütend, irgendwie hoffnungslos, irgendwie voll und leer, immer weiter Richtung Bank, wo ich den Teenager sitzen sah. Das machte mich etwas sauer, wie frech, das ist meine Bank, hau ab. Er stand tatsächlich auf, tut mir Leid, ich setzte mich. Auf dem Feld leuchtete etwas gelb, also ging ich hin. Ein Spielflugzeug, wie schön. Ich watete zurück auf den Weg, zwei mal bin ich fast ausgerutscht, hat niemand gesehen. Ich bin ganz allein auf der Welt, aber am Horizont laufen Hunde. Ein Mann sagte mir hallo, ich grüßte freundlich zurück und machte mich auf den Heimweg. Berg runter an der steilsten Stelle, hier waren wir beide auch mal und aua aua aua. Das letzte Mal, dass ich hier war und Bäume umarmen musste ist ziemlich genau ein Jahr her und das ist doch auch eine gute Bilanz, eigentlich.

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maybe we can make it to christmas
Momentan gefangen in der Wiederholung von Mustern, die mich einst gebrochen haben 😎 Es ist so erniedrigend, sich bei Gedanken zu erwischen, die, aus dem Mund einer Person, die man mehr geliebt hat als menschlich möglich ist, den ganzen Körper noch Jahre später zum brennen bringen. Als hätte man diese verletzenden Worte so oft wiederholt, dass sie zu einem Mantra wurden, das jetzt alles zerstört, was gut zu werden verspricht. Ich wäre gern ein Lover Girl, aber ich bin gezwungen in einer konstanten Abwehrhaltung zu existieren, dabei denke ich, ich habe gar keine Angst vor Ablehnung, lol! Naja, genug aus meinem privaten Tagebuch geplaudert, jetzt zu den weniger schlimmen Themen:
Ich habe seit Jaaaahren zum ersten Mal wieder einen Gastrojob und es ist okay! Ich spüle Teller, schmeiße Essensreste weg, bin ohne Grund nett zu Menschen und bekomme ein winzig kleines Trinkgeld dafür. Aber das beste, was der Job mir gibt (neben so viel Gehalt, dass ich mir mehr als nur Nahrung und Kosmetik davon kaufen kann) ist, dass ich mich auf die Tage in der Woche freue, an denen ich 7 Stunden in der Bib sitzen darf anstatt 5 Stunden im Kreis rumzulaufen. Who would have thought. (Ich hab das gedacht, es war Absicht, einen körperlich anstrengenden Job zu machen, um meine Gehirnkraft nicht für Lohnarbeit aufzubrauchen). Die große gefährliche gemeine Masterarbeit ist jetzt offiziell angemeldet und das macht mich kaum panisch 🙂 Bald bin ich bei dem Teil der Recherche angekommen, an dem ich viel über autobiographische Blogs lesen werde und ich hoffe, das nimmt mir nicht den Zauber, weil die Texte über Autobiographien hatten schon ein bisschen was von diesem Effekt.
Meine Tschechischlehrerin hat mir eine herzzerreißende E-Mail geschrieben, weil ich ohne abzusagen nicht zum Kurs erschienen bin, dabei hatte ich einfach vergessen, dass er existiert. ADHS ist so nice 😆
Meine Feindin ist in meinem safe space aufgetaucht, aber weil ich nicht ganz sicher sein kann, dass sie das hier nicht liest, gehe ich nicht weiter drauf ein…
Meine Katze ist ein bisschen zu dick, ich bekomme Kopfschmerzen von Ritalin, außer ich trinke beim Runterkommen Bier und ich bin süchtig nach Popcornmilch. Ich versuche, wieder zu schreiben, schaffe es aber selten, hier eine Kostprobe 😳
Das war’s for now, ich hoffe alle Lesenden haben einen guten Tag, außer meine Feindin 🙄
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Onkeltag
Für heute ist ein Onkeltag geplant. Mein Onkel, der eigentlich nicht mein Onkel ist, sondern der Verlobte meiner besten Freundin, holt mich mit seinem Roller von der Uni ab, ich hatte ein Meeting und danach ein Bier für den Mut, auf einen Roller zu steigen. Wir fahren natürlich durch die Stadtmitte bei Feierabendverkehr, ich klammere mich am Roller fest und stelle mir alle Szenarien vor, durch die wir einen tödlichen Unfall haben könnten. Auto zieht auf unsere Spur, ohne zu blinken – tot. Der Reifen verfängt sich in der Spurrille der Straßenbahn – tot. Onkel ist unaufmerksam und fährt gegen ein Gebäude – tot. Ich entwickle Pläne, wie ich mich geschickt abrolle, rechtzeitig abspringe oder mich an einem Ast festhalte, während Onkel ins Verderben fährt, und dann meiner besten Freundin die schreckliche Nachricht überbringe. Es kommt nicht dazu, nicht einmal fast und bei Onkel Zuhause wechseln wir auf E-Bikes. Wir fahren zu Rewe und kaufen Snacks und Bier, ab hier ist Onkeltag. Auf einer Bank im Park ruft mein Bruder mich an, ob ich seinen Schlüssel mitgenommen habe, er würde jetzt gern nach Mainz zurückfahren. Habe ich nicht, denke ich zumindest, meine Mitbewohnerin findet auch nichts in meinem Zimmer, mein Bruder ruft zurück, er hatte den Schlüssel die ganze Zeit, schönen Onkeltag euch, danke, gute Heimfahrt dir. Drei Biere später ruft Onkels Schwester ihn an, sein Handyakku ist leer, „sag schnell, ist es wichtig?“, ruft er in seine Uhr. „Okay, ich mach schnell“, kommt es leise zurück, „Opa ist fremdgegangen, wir haben einen Onkel in Belgien, der ist fast so alt wie Papa.“ Die Uhr geht aus, das sind alle Infos, die wir bekommen, ein neuer Onkel für Onkel, am Onkeltag.
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Bitches in the Woods
Ich bin um 4:20 Uhr aufgewacht und habe zwei Mails, vor denen ich mich seit Tagen drücke, abgeschickt, in der Hoffnung, davon müde zu werden (dumm, ich wurde davon noch wacher). Meine Katze sitzt auf meinem Kleiderschrank und beobachtet ein Insekt dabei, wie es die Wand entlang krabbelt, genügend stimuliert nur durchs Zusehen, kein Impuls, mich durch Mord vor Mückenstichen zu retten.
Die Hitzewelle des Endlich-Sommers tanzt mit dem Urlaubsmodus, in dem das Gehirn ist, sobald es T-7 Tage sind bis zur Reise. Meine Masterarbeit existiert für mich nicht, Sonntag Freibad. Montag See, Mittwoch See, Donnerstag Freibad. Jedes Jahr fahre ich an meiner Geburtstagswoche mit meinen besten Freundinnen irgendwohin, wo es Wasser, Sonne und Bier gibt und diesmal ist die Wahl auf eine Hütte im Wald gefallen. Ungefähr so stell ich mir das vor:



Letztes Jahr, in einer Hütte am See, sind wir ungeplant auf einer Party gelandet. Wir saßen im Haus, hatten das ein oder andere konsumiert und dachten uns, wie schön es jetzt wäre, aus dieser Isolation, in der wir fünf uns befanden, zu entkommen. Wir gingen an den See spazieren, um irgendwas zu tun zu haben, und hörten plötzlich lautere Musik aus Richtung der kleinen Siedlung, in der wir wohnten. „Da hat jemand mehr Spaß als wir“. Wir liefen auf die Musik zu, an deren Quelle ein kleines Fest im Sitzbereich einer Imbissbude mit Livemusik stattfand. Lauter Tschechen, eine Band, die Songs spielte, die wir nicht kannten, oder wir kannten sie, aber der Text war von englisch auf tschechisch übersetzt worden, ein unermüdliches Fass feinstes Pils und wir, uns auf Bierbänken gegenübersitzend und einfach nur über die Situation staunend. Als wir uns daran gewöhnt hatten, normalster Urlaubsmoment, fingen wir an, mit den anderen Anwesenden zur Musik zu tanzen. Es war genau, wie ich es mir in einer mittelalterlichen Taverne vorstelle, wir waren die Fremden auf Durchreise, die man tolerierte, aber leicht misstrauisch beobachtete. An den Abbruch der Party erinnere ich mich kaum, es gab einen Höhepunkt, wir, in Ekstase vor lauter Glück über diesen Zufall, die Band spielte einen poppigen Rocksong, ich wusste nicht, ob ich mich aufs Lachen oder Tanzen konzentrieren sollte, die Mücken drehten spiralförmige Runden um unsere Köpfe, geflochtene Haare, Fleecejacke, Turnschuhe und eine gute Zeit. Alle schienen betrunken, trotzdem wurde sich aufs Fahrrad oder ins Auto gesetzt, ein Glück wohnten wir gleich den Hügel rauf und konnten nach Hause laufen. Der vielleicht schönste Urlaubsmoment seit ich mir als Teenagerin, in einer Hütte im Wald sitzend, gewünscht habe, wenn ich groß bin auch mal hier hinzufahren, ohne Verwandtschaft, mit Freundinnen und Bier.
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Was so im Kopf schwebt
Liebesgedichte ausleihen, in der Hoffnung auf Versöhnung mit dem Thema.
Der Oberkörper steckt in einem Gerät, das mein Opa in seiner Garage hat, um kleinere Gegenstände, an denen er werkelt, festzuklemmen. Kleinere Gegenstände, zum Beispiel mein Herz.
Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen, nur Gott allein?
Dies hab ich abendlich zitiert, angestachelt von meiner älteren Cousine, die uns beiden wünschte, dass wir doch endlich an Gott glauben mögen, dann ist in die Kirche gehen vielleicht nicht mehr so ätzend. Ungefähr im gleichen Zeitraum entwickelte ich den Zwang, jeden Abend vorm Einschlafen alle Menschen, die ich lieb hatte, aufzuzählen. Die Reihenfolge muss stimmen und ich darf niemanden vergessen, sonst stirbt die Person heute Nacht. Ich bin klein, mein Herz ist schwer, die Verantwortung aller, die ich liebe lastet auf mir.
In diesem Moment riecht es in der Stadtbücherei nach Geflügelwurst, in meinem Stadtteil riecht es seit gestern Abend nach Menschenkot.
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Irgendwo zwischen lovergirl era und HipHop
Eigentlich bin ich, seit mir zwei Personen aus meinem realen Leben mitgeteilt haben, dass sie regelmäßig nachschauen, ob ich einen neuen Blogpost hochgeladen habe, zu sehr am Überdenken, als dass ich einen neuen Blogpost hochladen könnte (außer Prosa, die ich geschrieben habe, hier und da). Aber während ich auf der Welle der zweiten Dosis Ritalin des Tages reitend in der Unibib sitze und Texte über autobiographisches Schreiben / Tagebuchschreiben im Internet lese, schweifen meine Gedanken automatisch hin und wieder zu diesem Blog. Was ist alles passiert? Wo fang ich an?
Ich darf endlich meine Masterarbeit anmelden, meinem Dozent gefallen die Ideen, die ich zur Gliederung habe endlich (danke Pharmaindustrie, danke Ritalin) 😛
Das neue Justin Bieber Album ist ein einziger Vibe und der Soundtrack meines Sommers, das neue Lorde Album hat leider (noch) nicht so viel mit mir gemacht wie erwartet, aber ich glaube, das liegt daran, dass ich gerade wieder mehr HipHop in meinem Leben brauche, bestimmt wird mir Lorde an anderer Stelle zur Seite stehen. Das neue Clipse Album???? Das macht was mit mir, was ich nicht mehr von neuer Musik erwartet habe, weil es so eine krasse Flaute gab die letzten 5, 6, 10 (?) Jahre. Heftiger Scheiß.
Ich verlinke ganz viel, weil ich gerade über Weblogs recherchiere und es da viel um Hyperlinks geht und wie cool ist ein Tagebuch mit Links? Stichwort Tagebuch, in mein privates, physisches Tagebuch klebe ich in letzter Zeit viele Fotos ein, ich bin irgendwie sehr im DIY Modus gerade und ich liebs total. Aber es können nicht so viele Versionen von mir gleichzeitig im Fokus stehen, deshalb bin ich gerade irgendwie nur die studierende, bastelnde, verliebte, zu einem kühlen alkoholischen Getränk nicht nein-sagende Sommer-Lola, was Schlechtes bedeutet für die sich um Nahrungsaufnahme-kümmernde, ihr Zimmer und die Wohnung sauber-haltende, pflichtbewusste Lola, die auch mal zum Hochschulsport geht und 3 mal die Woche durch den Wald joggt. Aber es ist irgendwie logisch, ich schreibe Briefe und Tagebuch, während ich über Briefe- und Tagebuchschreiben und was das für die Kultur bedeutet recherchiere, um die große, gruselige, gemeine Masterarbeit, oder wie ich sie auch nenne: Die Bienenkönigin, zu füttern. Da kann ich leider nicht auch noch mich selbst füttern.
Früher oder später erwarte ich von mir selbst, ein Gedicht zu schreiben, über das, was momentan aufgrund von Verliebtheit in mir vorgeht, aber ich kann so schlecht Gedichte schreiben, solange ich noch im Gefühl drin stecke, da kommt immer nur Scheiße bei rum. Aber ich hab den Anspruch an mich, was bedeutet, dass mich die Unerfülltheit dieser Aufgabe entweder motivieren wird, ein Gedicht zu schreiben, oder für die nächsten 15 Jahre hinter mir schweben und meine Wirbelsäule regelmäßig mit eiskalten Händen zerdrücken wird. Ich will einerseits auf einen Felsen klettern (z.B. Monte Schlacko) und ganz laut schreien, oder mich unter einer Moosdecke verstecken, bis das Gefühl abflacht und ich unerfüllt und alle vergangenen Versionen meiner Selbst vermissend weiterleben kann. [Vielleicht benutze ich das für das ungeschriebene Gedicht.]
Das war’s von mir glaube ich, danke, dass ihr das hier lest, ihr tragt laut dem kulturwissenschaftlichen Text, den ich gerade eigentlich lese, dazu bei, dass ich mein Selbst bilden und reflektieren kann, um es im Kontext meiner Umwelt wahrnehmen und positionieren zu können, you know who you are, xoxo
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Verlieren und dann Düsseldorf
Grüne Hügel, leere Straßen, bauschige Wolken, die Trumanshow geben.
Hier habe ich meinen Verstand verloren, auf eine gemütliche Art.
Tagelang nicht das verrauchte Zimmer verlassen, abends auf dem langen Balkon stehen
Die Sinne sind an den falschen Ecken geschärft, gerade so, dass es Spaß macht.
Diese eine Stelle im Wald, die wir nie wieder gefunden haben
Und die andere Stelle, an der es im Frühling heiß und im Sommer unerträglich war.
Einmal haben wir uns im Winter dort hochgekämpft, aber die Magie war weg.
Agoraphobie in einer Wohnung, die wir „Trümmerbude“ nannten, Riss in der Decke, schiefer Boden, schräge Nachbarn.
Ein Ende voller Tränen, Aufgeben, großer Angst und permanentem Loch im Magen.
Ankunft in einer Düsseldorfer Wohnung, die größer war als alle davor.
Mit funktionierender Küche, einem Bad, das man abschließen kann und zwei Balkonen, ich fing wieder mit dem Rauchen an.
Grüne Hügel am Horizont und ein Friedhof, wie immer.
Laut, hell, bunt, es stinkt.
Wir würden die Laterne am liebsten austreten.
Nach wenigen Wochen verlasse ich die Stadt, sie sollen mich fixen, mir die Angst nehmen, mich glücklich machen.
Rituale, an denen ich nicht teilhabe versalzen den Boden und wir wundern uns, warum die Liebe schrumpft.
Alles war besser, als wir noch in einem Bett schliefen.
Finde meinen Anfang nicht, die Gedanken kreisen um das Ende.
Rückblickend bin ich gerade erst losgelaufen.
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Woher er gekommen ist
Woher er gekommen ist, weiß im Dorf niemand. Ihm selbst fällt es schwer, sich an einen Herkunftsort, einen Startpunkt, geschweige denn eine Vergangenheit zu erinnern. Es kann sein, dass sein Name „Oliver“ ist, denn er fiel ihm sofort ein, als die erste Person, auf die er nach seiner Ankunft getroffen ist, ihn danach fragte. Nun nehmen alle im Dorf an, sein Name wäre Oliver, und er kann sie nicht berichtigen, selbst wenn er wollte, also nennt er sich selbst auch so. Heute wird Oliver, wie er also der Einfachheit halber in dieser Geschichte heißen wird, zum Schuster gehen und sich ein paar Lederschuhe anfertigen lassen. Dann wird er die Bäckerei besuchen, um frisches Brot und einen Kirschplunder zu kaufen, und diesen dann auf einer Bank im Park essen. Aber fangen wir von vorne an: Oliver steht auf, wäscht sein Gesicht und geht in die Küche der Familie, die ihn großzügig bei sich wohnen lässt, bis er sich etwas Eigenes aufgebaut hat und allein wohnen kann. Im Gegenzug fegt Oliver den kleinen Hof, führt die beiden Hunde aus und passt an den meisten Nachmittagen auf die 3-jährige Ingeborg auf. Der Vater der Familie, Willi, steht gerade mit einer Kanne Kaffee in der Hand vorm Tisch, als Oliver den Raum betritt. „Moin Oli, auch’n Kaffee?“, fragt Willi mit einem Schwung, dass unserem Protagonisten ganz schwindelig wird. Er nickt und fragt sich, was wohl passiert ist, dass Willi heute so aufgedreht ist. Um die Beine des Tisches schlängelt die Katze ihren Schwanz und miaut. Normalerweise reagiert Willi genervt darauf, aber heute duckt er sich zur Katze und miaut, mit Liebe in der Stimme, zurück. Viola, die fast erwachsene Tochter der Familie, sitzt am Tisch und liest ein Reclamheft, Oliver interessiert der Titel, aber er traut sich nicht nah genug an Viola ran, um ihn lesen zu können, sie kann ganz schön fies sein. Letztes Wochenende wollte er nur wissen, wo es die besten Äpfel des Dorfes gebe, und sie hat ihn ausgelacht mit einem Gesichtsausdruck, der ihm immer noch ohne Vorwarnung vorm geistigen Auge spukt, wenn er mal eine Gedankenpause einlegt. Er setzt sich an den Tisch und Viola rückt ein wenig weg, dabei sitzen sie zwei Armlängen voneinander entfernt. Willi redet über seinen heutigen Auftrag, er wird in die Stadt fahren und dort ein paar wichtige Menschen treffen, vermutlich ist das der Grund für seine freudige Stimmung. Oliver ist noch nicht so lange vor Ort, dass das Dorf ihm langweilig erscheint, doch er kann schon erahnen, wie sich der Trott einschleichen muss, sobald man hier sesshaft geworden oder gar aufgewachsen ist. Viola verdreht die Augen, aber Oliver hat nicht gut genug zugehört, um zu verstehen, wieso. Soweit er Einblicke in diese Familie erhalten hat, soll Viola eines Tages den Betrieb ihres Vaters übernehmen und tut gerade alles dafür, dies nicht zu müssen. Sie zieht es in die Großstadt, ihr missfällt das Dorf am meisten von allen, die Oliver bisher kennengelernt hat. Sie möchte studieren, die Welt sehen, sich in einen Gitarre spielenden Veganer verlieben, zumindest nimmt Oliver das an, sie sieht so aus, als wäre das ihr grober Plan. Er würde sie gern fragen, ob sie ihn zum Schuster begleitet, aber die Angst vor ihrer Reaktion macht ihm die Knochen weich. „Was starrst du schon wieder so?“, fragt sie ihn jetzt, das war’s, er schaut schnell auf den Teller vor sich und leert die Tasse Kaffee. „Ich muss dann“, sagt er in den Raum zwischen Vater und Tochter, und verlässt die Küche. Beim Rausgehen hört er, wie Viola mit der Zunge schnalzt, schlägt seinen Kragen hoch und geht durch die Tür. Die Luft ist wärmer als sonst zu dieser Uhrzeit, es wird wohl Frühling, denkt Oliver und gibt seinem Gehirn die Chance, Verknüpfungen an vorherige Frühlinge aufzurufen, leider ohne Erfolg. Den Weg zum Schuster kennt er, wie alle Wege durchs Dorf, von seinen Gassirunden mit Fix und Alle, den beiden Hunden der Familie. Wenn Fix stirbt, werden sie Alle umbenennen müssen, daran denkt er immer, wenn ihm die Hunde in den Sinn kommen. Vor der Tür des Schusters druckst er sich herum, er weiß nicht, ob er sowas schon mal gemacht hat, Schuhe anfertigen lassen. Willi hat ihn dazu überredet, dass ein guter Geschäftsmann ein gutes Paar Schuhe braucht, die Idee klang plausibel, aber jetzt, wo er hier steht, kommt es ihm albern vor. Da öffnet sich die Tür von innen und ein älterer Herr begrüßt ihn mit „Hereinspaziert, was darf’s sein?“. „Ich brauche Schuhe, Lederschuhe, ich wollte die anfertigen lassen“, bringt Oliver hervor und betritt den Laden. Der Geruch von Schuhen und verschiedenstem Leder bringt etwas in einem hinteren Gang seines Hirns zum Klingeln, aber er kann dem jetzt nicht nachgehen, er muss handeln. Er setzt sich auf eine weiche Bank und lässt sich die Füße ausmessen. Der Schuster scheint mit sich selbst zu reden, oder Oliver hat noch zu wenig Ahnung von den Gepflogenheiten einer Konversation, jedenfalls sagt er nichts und lässt den Alten vor sich hin flüstern. Irgendwann scheint er fertig zu sein und sagt Oliver, er könne seine Schuhe nächste Woche abholen. Das ging schnell und war weniger aufregend als gedacht, denkt Oliver und wünscht dem Alten einen schönen Tag. Schräg gegenüber dem Schusterladen entdeckt er eine Bäckerei, die ihm noch nie aufgefallen ist und betritt sie. Der Duft nach Brot macht leider nichts mit ihm, dafür erinnert er ihn daran, dass er sich gleich Zeit nehmen muss, um über den Schuhgeruch nachzudenken. Er entscheidet sich für ein Brot und einen Kirschplunder, weil er denkt, dass er Kirschen mag und wünscht der Bäckereifachverkäuferin einen schönen Tag. Seine Füße tragen ihn in den Park, in dem er die Hunde immer ableint, damit sie ein wenig rennen können. Heute ohne Hunde, setzt er sich auf eine Bank und beobachtet die Enten, die im kleinen, verdreckten Teich umherschwimmen. Ohne, dass er es unterbinden kann, wandern seine Gedanken zu Viola, das machen sie oft, und ihm wird ganz unangenehm heiß dabei, als könnte ihn jeden Moment jemand dabei erwischen, wie er sich vorstellt, dass sie ihn einmal liebevoll statt vernichtend anlächelt. Niemand weiß genau, wie alt Oliver ist, aber er wird höchstens zwei Jahre älter sein als Viola. Ihm kommt es jedoch so vor, als wäre Viola die ältere, sie scheint so gefestigt zu sein, sich ihrer Identität und Außenwirkung so bewusst, dass Oliver sich schämt, wenn sie sich im selben Raum aufhalten. Oliver packt das Teilchen aus der Bäckereitüte, zwingt sich, an den Schuhgeruch zu denken und beißt ein Stück ab. Schuhe, Leder, irgendwie holzig, worauf könnte es hinweisen, dass dieser Geruch etwas mit ihm macht? Vielleicht war er selbst Schuster, oder sein Vater ist einer, oder er wohnt über einem Schuhgeschäft? Oliver reibt sich die Augen und versucht, sich den Geruch vorzustellen. Eine Sehnsucht überkommt ihn, er vermisst eine Familie, von der er überhaupt nichts weiß, er vermisst es, dazuzugehören. Sein Hals wird eng und seine Augen brennen. Der Ententeich verschwimmt vor seinen Augen und er atmet schwer. Er beißt noch einmal vom Plunder ab und versucht, die Geschichte seiner potenziellen Familie weiter zu erkunden, sein Gesicht juckt. Ob er wohl Geschwister hat? Im Alter von Viola oder vielleicht älter als er? Leben seine Großeltern wohl noch? Sein Mund ist trocken und sein Hals wird enger, er schafft es nicht mehr, durchzuatmen. Ein bedrückendes Gefühl breitet sich in seiner Brust aus. Sind seine Eltern zusammen, sind sie geschieden, lieben sie sich? Sein Arm sinkt neben ihn auf die Bank, der Kirschplunder liegt nur noch locker in seiner Hand. Spielt sein Vater eine präsente Rolle in seinem Leben? Es fühlt sich an, als würde er nur noch durch ein winzig kleines Loch atmen können. Er schließt die Augen. Sein Hals verengt sich. Aus der Hand fällt das süße Gebäck auf den Boden, eine Ente läuft darauf zu und beginnt, es zu zerteilen.
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Mein (Teil vom) Roman ist online!
Ich glaube, der Gedanke an eine neue Person, die mich gerade kennenlernt, und der ich heute auf den Satz, dass sie gern mal was von mir lesen würde, den Link zu diesem Blog geschickt habe, hat die nötige Brücke in meinem Bewusstsein gebaut, dass es doch schlau wäre, diese Plattform zu nutzen, um den Roman, den alle lesen wollen, zu veröffentlichen. Und zwar handelt es sich um meinen Teil des Romans, den ich letztes Jahr mit einer Freundin gemeinsam für ein Uni-Projekt geschrieben hab und alle, die es interessiert (und die das hier lesen) haben jetzt Zugriff auf das Geschriebene! Und zwar hier: Robins Tagebuch.
Es ist wie gesagt nur mein Teil des Romans, aber er könnte auch für sich alleine stehen. Ein fünfzehnjähriges Mädchen schreibt Tagebuch in der Gegenwart. Ich bin kein Teenager der Gegenwart, aber ich war mal ein fünfzehnjähriges Mädchen. Bitte sagt mir nicht, was ihr davon haltet. Respekt an alle, die diesen Roman online lesen, ihr seid meine Heldinnen und Helden. Der Song des Blogeintrags erinnert mich am meisten an meine Romanfigur, Robin.
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Dissoziiert
Oh du schlafloser Traum!
Wenn man die Kanten angleicht
noch ein wenig radiert, links und rechts

bin ich fast weg.
Wenn nur die Hälfte von mir hier ist
wo ist dann der Rest?
Ich überlege, während die Liege unter mir
mich Richtung Decke schiebt
die Frau meinen Kopf hält, “wo tut es weh?”
und ich keine Antwort finde.
Vor der Tür umworben von Staub
der Straßenlärm dringt nicht zu mir durch
so hilflos, aber unbesorgt
vielleicht sehen die Leute, dass ich nicht da bin.
Den Weg in die Wohnung finde ich im Schlaf
und in ähnlichen Zuständen.
Hätte man es mir nicht antrainiert
wüsste ich’s nicht:
warum stehen bei rot
und gehen bei grün.
Veröffentlicht in Frankfurter Bibliothek 2021, Brentano Gesellschaft FFM.